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Ein Modell für erfahrungsbasierte Glaubenskommunikation in der Katechese.

Die Initiationssakramente Kommunion und Firmung bilden die größte Kontaktfläche von jungen Erwachsenen mit religiöser Bildung in Form von Katechese. Allein im letzten Jahr haben knapp 150.000 Jugendliche die Firmung empfangen und sind damit vollwertiges Mitglied in der Gemeinschaft der römisch-katholischen Kirche geworden. Trotzdem zeigen seit Jahren immer wieder sozio-demographische Studien bei jungen Erwachsenen einen Verlust der Sprachfähigkeit über den eigenen Glauben auf. Daraus ergibt sich die paradoxe Situation, dass trotz gegebener Kontaktflächen mit religiöser Bildung die Fähigkeit zur Reflexion der eigenen religiösen Identität nur partiell vorhanden ist. Aus diesem Grunde gilt es das Selbstverständnis von Katechese im Hinblick auf moderne Glaubenskommunikation zu überprüfen.

Vom Schönen & Guten und dem konkreten Leben

Katechese ist nach der Definition des Katechismus der Katholischen Kirche „eine Glaubenserziehung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, die vor allem eine Darlegung der christlichen Lehre umfasst, wobei man im allgemeinen organisch und systematisch vorgeht, um die Schüler in die Fülle des christlichen Lebens einzuführen“ (KKK 5).

Katechese hat folglich als Ziel eine Person in das christliche Leben einzuführen. Dies geschieht durch die umfassende Darlegung katholisch-christlicher Lehre. Zwar soll dieser Prozess auf die Aufnahmefähigkeit der Zielgruppe angepasst werden, aber verbleibt bei der reinen Wissensvermittlung.

Bei der Art und Weise wie die Kirche in der Katechese den Glauben kommuniziert, scheint sie nur schwerlich eine Resonanz bei den jungen Erwachsenen hervorzurufen. Ein Grund für diesen Bruch ist, dass Jugendliche sich ihren christlichen Glauben nicht mit dogmatischen Grundsätzen, sondern aus ihrer Erfahrung heraus erklären, während Katechese ihrem Wesen nach vor allem auf die Weitergabe von Glaubenswahrheiten spezialisiert ist.

Während die Katechese vom Schönen und Wahrem erzählt, von den Geheimnissen, die die Kirche seit Jahrhunderten bewahrt und immer wieder lehrt, hat sie verlernt die persönlichen Erfahrungen der einzelnen Personen von Gott und Glauben in den Blick zu nehmen. Dabei konstituiert sich die Religion nicht allein durch die tradierten Glaubensüberzeugungen und Riten der Gemeinschaft, sondern eben auch aus dem persönlichen Glauben der Menschen. Das Wahre und Schöne in der Kirche und der Glaube der Menschen sind nüchtern betrachtet zwei unabhängig voneinander existierende Pole.

Um diese Pole in eine konstruktive Beziehung zu setzen, hat Paul Tillich die Methode der Korrelation entwickelt. Nach dieser Methode gilt es im ersten Schritt, die Pole als einzelne Positionen zu betrachten und nicht zu vermischen. So gibt es die Tradition der Kirche, die objektive Wahrheiten gesammelt und systematisiert hat und als solche einen großen Fundus an Antworten bereithält. Dem gegenüber steht die Erfahrung des Einzelnen, der mit seinem subjektiven Empfinden die Welt wahrnimmt und daraus Fragen entwickelt. Im zweiten Schritt geht es darum, die beiden Pole in eine Korrelation, also Beziehung zueinander zustellen, indem die Fragen des Einzelnen immer aus seiner Situation gestellt und die Antworten der Kirche immer in die Situation gegeben werden.

Die Methode der Korrelation wendet sich von einer reinen Weitergabe des Glaubensguts zu Gunsten einer Beziehungs- und Dialogebene ab. Die Methode der Korrelation nutzt der katholische Theologe Karl Rahner für seinen transzendental-anthropologischen Ansatz, indem er festhält, dass, weil Gott transzendent, also über und nicht in der Welt ist, und der Mensch immer sinnlich erkennt, die Gotteserfahrung Fundament für den Glauben und damit auch konstitutives Element für die Kirche ist. Kirche ist von Jesus Christus gestiftet, aber eben auch „Gemeinschaft der Gläubigen“. Die Glaubenswahrheiten der Kirche erzählen von dem Schönen & Wahrem und dem was kommen wird, der Mensch lebt jedoch im ganz Konkretem.

Mit dieser konkreten Weltanschauung der Menschen muss Katechese in einen ehrlichen Dialog treten, statt im Monolog das Wahre und Schöne zu präsentieren.
Damit Katechese ihrem Selbstverständnis, der Anregung zu einer christlichen Identität, in einem solchen Dialog nachkommen kann, bedarf es ein solides Fachwissen über Identitätsentwicklung im allgemeinen und der Struktur religiöser Identität im speziellen.

Identität – Zwischen Exploration und Verpflichtung

Der Begriff der Identität ist vor allem durch den Psychologen Erik Erikson maßgeblich geprägt worden. Dieser definiert die Identität als „ein subjektives Gefühl als auch eine objektive feststellbare Eigenschaft persönlicher Gleichheit und Kontinuität.“ (Erikson, 1973). Es geht folglich um die Frage „Wer bin ich?“ im Kontext von Zeit sowie Fremd- und Selbstwahrnehmung. Aufbauend auf den Überlegungen von Erikson entwickelt der Psychologe James Marcia vier Entwicklungsstadien der Identität, die jeweils abhängig vom Ausmaß der Exploration und dem Ausmaß der Verpflichtung sind. Unter dem Ausmaß der Exploration versteht er in welchem Maß selbst ausprobiert, informiert, diskutiert und mit der eigenen Rolle experimentiert wird. Das Ausmaß der Verpflichtung ist das Maß der Entschiedenheit, also die Frage inwieweit schon eine eigene Entscheidung in diesem Gebiet getroffen worden ist oder ob man noch unentschieden ist.

Identitätsstatusmodell nach James Marcia (1980)

Gibt es eine hohe Verpflichtung und keine Exploration wird die Identität unreflektiert übernommen. Dies geschieht ohne große Krise, da keine Auseinandersetzung stattfindet, ist dafür aber anfälliger gegenüber äußere Einwände. Ist zusätzlich auch keine Verpflichtung vorhanden wird die Identität diffus. Der Bereich ist damit für die Person irrelevant.

Findet eine hohe Exploration statt, aber keinerlei Verpflichtung, ist der Identitätsstatus in einem „Moratorium“. Die Person beschäftigt sich aktiv mit verschiedenen Möglichkeiten und wägt Alternativen gegeneinander ab ohne sich bereits festzulegen.
Erst wenn sowohl die Verpflichtungen als auch die Exploration vorhanden ist, spricht Marcia von einer erarbeiteten, und damit auch von äußeren und inneren Anfragen gefestigten, Identität zu der sich die Person verpflichtet fühlt.
Identität besteht aus verschiedenen Identitätskomponenten, die alle unterschiedlich ausgeprägt sein können. So kann die politische Identität erarbeitet sein, während die religiöse noch diffus ist.

Das Modell von Marcia macht deutlich, dass weder reine Exploration noch reine Verpflichtung zielführend bei der Erarbeitung einer christlichen Identität sind. Es gilt folglich beide Komponenten innerhalb der Katechese zuzulassen.

Mythos, Ritus und Transzendenzerfahrung – Grundbausteine der Religiosität

Grundlage für die im Folgenden aufgeführten Grundelemente von Religiosität sind die empirischen Forschungen der Psychologin Tatjana Schnell über Sinn (www.sinnforschung.org). Der Vorteil dieses Modells ist, dass es nüchtern und profan auf das Thema Glauben blickt und so einige Aufschlüsse über Strukturen, und damit Anknüpfungspunkte, offenbart.

Ziel von Religiosität ist Sinn schaffen, also das Gefühl nach der Bedeutung des eigenen Lebens, einer sich daraus ergebenden Aufgabe und bedeutungsvollen Tätigkeit. Es gibt dabei drei universalreligiöse Strukturen: Die Transzendenzerfahrung, den Mythos und den Ritus.
Die Transzendenzerfahrung bewirkt dabei die Ausbildung eines Mythos, der die Begründung für die Ausbildung von eigenen Riten bildet, die eine weitere Transzendenzerfahrung begünstigen, da sie Räume dafür schaffen.

Jede dieser Prinzipien bildet einen eigenen Anknüpfungspunkt für die christliche Glaubensentwicklung. So lässt sich der Mythos durch inhaltliches Arbeiten bilden, der Ritus durch das Vorschlagen und Üben von Gebetspraktiken festigen und das Transzendenzbewusstsein durch das Schaffen von Erfahrungsräumen stimulieren.
Wichtig ist zum einen, dass sich eine Transzendenzerfahrung nie erzwingen lässt und zum anderen, dass alle Prinzipien in Relation zueinander wachsen können. Würde zum Beispiel der Mythos übermäßig ausgebildet, verkommt der Glaube zu einer Theorie, ein überengagierter Ritus hingegen lässt keinen Platz für Reflexion und übermäßige Transzendenzerfahrung ohne Praxis und Reflexion verkommt zur Esoterik.

Von Nicht-Glauben zu Glauben – Glaubenskommunikation

Es lässt sich feststellen, dass religiöse Identität aus den Grundbausteinen Mythos, Ritus und Transzendenzerfahrung besteht. Zur Ausbildung dieser Identität bedarf es sowohl die eigene Exploration als auch die selbstauferlegten Verpflichtungen. Die bisherigen Überlegungen zeigen, dass auch eine erfahrungsbasierte religiöse Bildung nicht ohne normativen Anteil auskommt.

Diese Erkenntnisse gilt es zu systematisieren, um den Prozess von Nicht-Glauben zu Glauben für die religiöse Bildung nachvollziehen zu können. Auf Grundlage meiner Projekte, Aufträge sowie eigener Forschung zum Thema „Der persönliche Glaube als Chance für eine Evangelisierung“ habe ich für diesen Zweck das Modell der Glaubenspyramide entwickelt. Dieses Modell verdeutlicht die Stufen einer erfahrungsbasierten Glaubenskommunikation und berücksichtigt dabei sowohl explorative als auch verpflichtende Phasen.

Der Prozess wird in vier Stufen unterteilt, wobei diese sukzessiv erreicht werden können, aber keinem Automatismus folgen. Grundsätzlich lassen sich diese vier Stufen in zwei Bereiche gliedern. Die Stufe 1 (Vertrauen schaffen) und Stufe 2 (Transzendenzbewusstsein stimulieren) sind Prozesse, die das Explorieren der Person durch Schaffung von Rahmenbedingungen fördert. Die Stufe 3 (Transzendenz erfahren) und Stufe 4 (Transzendenzbeziehung reflektieren) sind innere Prozesse der Person, die von außen nur begleitet werden können. Die Stufe vier ist die Phase in der sich die Person mit der Fremd- und Selbstverpflichtung, der eigenen Erfahrung und der Tradition der Kirche, auseinandersetzen muss. Dieses Modell verdeutlicht, dass diese Auseinandersetzung mit dem Schönen und Wahrem am Ende eines längeren Prozesses steht und nicht der Beginn der religiösen Bildung im Sinne einer Identitätsfindung sein kann.

Zu Beginn gilt es, das Vertrauen der Person zu gewinnen. Dies kann nachhaltig nur durch ehrliche und unvoreingenommene Annahme des Gegenübers als Person und damit als Dialogpartner gesehen. Der Dialog ist essentiell für den kompletten Prozess. Er nimmt das Gegenüber in seinen Kompetenzen und den bisherigen Lebens- und Gotteserfahrungen an, ohne dabei zu werten oder voreingenommen einzuordnen. Ist ein Vertrauensverhältnis geschaffen, gilt es in unterschiedlichen Räumen, Zeiten und Interaktionen die Möglichkeit für eine Transzendenzerfahrung zu eröffnen. Dies dient das Transzendenzbewusstsein zu stimulieren.

Für den Übergang zwischen dem äußeren Impuls hin zur inneren Reflexion und damit zu einem Glauben, ist die Erfahrung von der Transzendenz für das eigene Leben entscheidend. Eine solche Erfahrung nennt der katholische Theologe Edward Schillebeeckx eine Disclosure-Erfahrung. Schillebeeckx nennt drei Kriterien, die eine Disclosure-Erfahrung auszeichnen:

  1. Es muss eine Erfahrung sein, die von allen Menschen unvermeidlich geteilt werden kann.
  2. Diese Erfahrung muss zwar existentiell sein, aber nicht zwang släufig eine religiöse Deutung vorgeben.
    (Beispiel: Überlebter Autounfall. Eine solche Erfahrung ist existentiell, aber kann als solche auch immanent gedeutet werden, z. B. mit guter Sicherheitstechnik.)
  3. Für das Verständnis dieser Erfahrung muss die bisherige Erfahrung von der Offenbarung Gottes (Schillebeeckx fasst das unter »Wort Gottes« zusammen) von Nutzen sein.

Die Ausführungen von Schillebeeckx zu Disclosure-Erfahrungen machen deutlich, dass der Schritt hin zu einer Transzendenzerfahrung nicht instruiert werden kann. Einzig das Stimulieren von Transzendenzbewusstsein kann helfen, dass die Person eine Erfahrung als Disclosure-Erfahrung deutet.
Ist eine Transzendenzerfahrung gemacht, kann sich eine vollumfängliche Glaubensstruktur herausbilden. Diese zirkuliert durch Ritus, Glauben und Zweifel immer zwischen Stufe 3 „Transzendenzerfahrung“ und Stufe 4 „Transzendenzbeziehung reflektieren“. Ein Glaube, der sich nicht reflektiert, verkommt in Selbstgefälligkeit, während ein Glaube ohne Transzendenzerfahrungen in Ritualen untergeht.

Abschließende Worte

Glaube ist eine lebenslange Beziehungsarbeit zwischen dem Individuum und Gott. Kirche bietet Räume, Wahrheiten und Begleitung bei diesem Prozess. Erst durch eine Inklusion der eigenen Sinnsuche, dem Erfahren vom Potential des Glaubens für das eigene Leben und der Kraft der Tradition der Kirche kann das Anliegen der Katechese „in die Fülle des christlichen Lebens einzuführen“ gelingen. Die Glaubenspyramide kann dabei helfen das bisherige Vorgehen in der religiösen Bildung zu überprüfen und gegebenenfalls zu korrigieren.

Literatur

  • Erikson, Erik Homburger (1973; Orig. 1959). Identität und Lebenszyklus. Frankfurt: Suhrkamp.
  • Fend, Helmut (2005). Entwicklungspsychologie des Jugendalters. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften.
  • Faix, Tobias/Riegel, Ulrich/Künkler, Tobias (Hgg.) (2015). Theologien von Jugendlichen: Empirische Erkundungen zu theologisch relevanten Konstruktionen Jugendlicher. Berlin-Münster-Wien-Zürich-London: Lit-Verlag.
  • Schnell, Tatjana (2004). Implizite Religiosität: zur Psychologie des Lebenssinns, Dissertation. Lengerich: Pabst Science Publishers.

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